Franz-Josef Röll

Von der Wirklichkeit der Medien – zum Spannungsverhältnis von realer und virtueller Erfahrung

Nach jedem Amoklauf wird in den Medien sehr schnell vermutet, dass die Medien, vor allem Computerspiele das ursächliche Motiv für die Tat bilden. Wenn in der Schule Kinder nicht aufmerksam sind, wird vermutet, dass ihr Medienkonsum ein wesentliches Motiv bildet für die mangelnde Fähigkeit den Unterricht konzentriert zu verfolgen. Ebenso gibt es Klagen, dass Studierende immer weniger die Fähigkeit haben einen sequentiellen Text (wie in Hausarbeiten, Bachelor- und Masterarbeiten gefordert) zu schreiben. Ihre Erfahrung im Internet und vor allem im Web 2.0 führen nach diesem Verständnis dazu, dass ihre kognitiv-rationalen Fähigkeiten geringer werden. Jeweils bilden virtuelle Erfahrungen den Ausgangspunkt für eine mutmaßliche Beeinträchtigung unsere Lebenswelt. Folgt man dieser These beeeinträchtigen die virtuellen Lebenswelten die Kompetenz angemessen mit der Realwelt umzugehen. Im Verlauf meines Vortrags möchte ich daher einige Anmerkungen zum Spannungsverhältnis von realer und virtueller Lebenswelt machen. Verdeutlichen möchte ich, wie Wahrnehmung zu stande kommt und welche Rolle dabei die virtuellen Welten spielen. Aufgezeigt werden soll wie Neue Medien seit Jahrhunderten immer wieder das Selbstverständlnis der jeweiligen Gesellschaften irritiert. Hingewiesen wird, dass es vor allem die Beschleunigung ist, die die Angst und Irritation auslöst. Ebenso wird aufgezeigt, dass mit jeder Innovation Gewinne und Verluste einhergehen. Belegt wird, wie sich Wahrnehmungsgewohnheiten verändern. Dies wird nicht als defizitäre Enwicklung gedeutet, sondern als Potential, als Chancen neue Ressourcen zu nutzen. Der Widerspruch, der anfangs zitiert wurde wird decodiert auch als Widerspruch zwischen unterschiedlichen Aneignungsweisen von Wirklichkeit. Die aktuelle Entwicklung, die einher geht mit einem Bedeutungsgewinn von virtuellen Erfahrungen, wird als Herausforderung interpretiert, die vor allem auch die universitäre Ausbildung motivieren sollten innovative Lernszenarien zu entwickeln.

Franz-Josef Röll
Jahrgang 1949, Studium der Soziologe (Diplom) und außerschulischen Pädagogik und Erwachsenenbildung (Diplom) an der Goethe-Universität in Frankfurt. Mehrjährige Tätigkeit bei einem Jugendverband und beim Institut für Medienpädagogik und Kommunikation in Frankfurt. Promotion über Mythen und Symbole in populären Medien an der Universität Bielefeld. Seit 1999 Professur an der Hochschule Darmstadt, FB Gesellschaftswissenschaften und soziale Arbeit, Schwerpunkt: Neue Medien und Medienpädagogik.