Friedrich Voßkühler

***FÄLLT AUS*** Universalistische Ethik und kapitalistische Globalisierung

Mit aller Deutlichkeit hat der ‚schwarze Herbst’ des Jahres 2008 die ‚soziale Emanzipation’ wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Die ‚postfundationalistische’ These,  es gäbe kein die Gesellschaft übergreifendes ‚Subjekt’ mehr, ist durch die finanzpolitischen Aktionen der Regierungen der führenden kapitalistischen Metropole ad absurdum geführt worden. Es gibt dieses ‚Subjekt’. Zur Zeit sind es die besagten Regierungen und ihre an ihnen hängenden Institutionen, die mit allen monetaristischen Kunstgriffen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse vor dem Infarkt bewahren. Sie definieren mit ihren politischen und ökonomischen Mitteln die Achse, um die sich das gesellschaftliche Leben zu drehen hat. Und diese Achse ist das quantitative Vermögenswachstum zugunsten der Finanziers, das sich in den letzten Jahrzehnten sogar aus der Realproduktion entbettete. „In der Tat wird der Wert hier das Subjekt eines Prozesses. Worin er … seine Größe selbst verändert, sich als Mehrtwert von sich selbst als ursprünglichen Wert abstößt, sich selbst verwertet … Er hat die okkulte Qualität erhalten, Wert zu setzen, weil er Wer ist. Er wirft lebendige Junge oder legt wenigstens goldene Eier“ (Marx). Marx bezeichnet daher das Kapital auch als ein „automatisches Subjekt“. Die Regierungen der kapitalistischen Metropole sind die geschäftsführenden Ausschüsse dieses „Subjekts“. Sie handeln als ein die Gesellschaft übergreifendes ‚Subjekt’, weil sie der politische und administrative Teil des die Lebensverhältnisse tatsächlich bestimmenden „Subjekts“ sind: des Kapitals. Sowohl der einzelne Mensch als auch die menschliche Gattung insgesamt sind dabei nur Mittel zum Zweck, nämlich Mittel zur quantitativen Wertprogression in privaten Händen. Durch das ökonomische und politische Paradigma des sogenannten Neoliberalismus ist dies zur Maxime der kapitalistischen Globalisierung geworden. Diese Maxime wurde durch den „Consensus von Washington“ sogar zum obersten praktischen Imperativ. Dieser steht im völligen Gegensatz zum „obersten praktischen Prinzip“ Kants. Es lautet: „Handle so, dass du die Menschheit , sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest“. Ganz konträr zu diesem „Prinzip“ existieren der einzelne Mensch und die Menschheit für die kapitalistische Produktionsweise nicht als „Zwecke an sich selbst“ (Kant), sondern nur als Mittel der Profitschöpfung. Marx sieht u.a. darin ganz richtig die ‚Entfremdung’ des Menschen von sich selbst.

Die sogenannte Finanzkrise, die in Wahrheit eine Gesellschaftskrise ist, aktualisiert die Forderung, die Kant mit seinem „obersten praktischen Prinzip“ ausspricht. Sie stellt uns vor die Alternative, entweder den Entfremdungsmechanismen Folge zu leisten und die These vom „Ende der Geschichte“ (Fukujama) zu teilen, oder wieder an das Erbe der universalistischen Ethik der Aufklärung und der Französischen Revolution anzuknüpfen. Und das bedeutet die soziale Emanzipation, also die politische und ökonomische Realisisation des Menschen als eines „Zweck“ „an sich selbst“, der seine Verhältnisse rational und autonom selbst regelt. Dadurch würde er tatsächlich zum ‚Subjekt’.

Kapitalistische Globalisierung und universalistische Ethik gehen nicht zusammen. Schon allein damit unsere Welt nicht weiter Spielball von Privatinteressen bleibt, ist auf der kritischen Potenz der aufklärerischen Ethik zu bestehen. Nimmt man sie ernst, kann sie erhebliche praktische Folgen haben. Dies darzustellen, ist Inhalt und Ziel des Vortrages.