Karola Brede

Kollektives Tötungsverbot und unbewusstes Tötungstabu.
Überlegungen zu Jonathan Littells Roman “Die Wohlgesinnten”

Im Verhältnis zur Mehrdeutigkeit dessen, was die Quellen der Historiker unerschlossen lassen, beansprucht der Schriftsteller Jonathan Littell für seinen Roman „Die Wohlgesinnten“ (2006), die historische Wahrheit der Judenvernichtung literarisch darstellen zu können. An den Roman kann daher die Frage nach den Bedingungen gerichtet werden, die den kulturellen wie individuellen Abbau der Tötungshemmung begünstigt haben, auf welche sich der Plan zur Exterminierung der Juden stützte. Anhand der Unterscheidung zwischen Tötungstabu (nach S. Freud) und kollektivem Tötungsverbot (in Anlehnung an G. Simmel) wird danach gefragt, welche Rückwirkung die Übertretung dieser Verbote auf den sozialen Zusammenhalt moderner Gesellschaften haben dürfte. Die Referentin kommt zu dem Schluß, daß das verinnerlichte Tötungstabu in der Zeit des Romangeschehens, dem Nationalsozialismus, seine Geltung zunehmend einbüßte und durch normative Vereinfachungen geschwächt wurde, zu denen das kollektive Tötungsverbot auffordert. Anschließend lassen sich die aggressiven und sexuell perversen Motive des Roman-Protagonisten und der Mord an seiner Mutter dem vom Autor eingeführten Mythos der Orestie gegenüberstellen und an diesem Mythos messen.

Karola Brede

Prof. Dr. phil., Dipl.-Soz., Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Goethe-Universität, Frankfurt am Main. Studium der Soziologie in Berlin und Frankfurt am Main. Promotion über „Sozioanalyse psychosomatischer Störungen“. Forschungstätigkeit zur modernen Lebenswelt auf dem Grenzgebiet von Soziologie und Psychoanalyse. Untersuchungen zur Vergesellschaftung des Individuums in der Arbeitswelt, des Antisemitismus in der Gegenwart und zur Methodologie der Fallstudie. Lehre bzw. Studienaufenthalte an deutschen Universitäten und in den USA. Langjährige Mitarbeit in der Zeitschrift „Psyche“. Aktuelle Veröffentlichungen „Der Jargon einer leitenden Angestellten“ (2007), „About social and psychological foundations of anti-Semitism“ (2010). In Vorbereitung „Angestellte – ein unverstandenes Lohnarbeitsverhältnis“, Monographie.