Wolfgang Neef

Der Ingenieursberuf im Spannungsfeld zwischen Vernunft und Renditewahn

Die Berufsgruppe der Ingenieure ist seit Beginn ihrer „Karriere“ als Schlüsselfigur der industriellen Revolution Leitbildern für die Technikentwicklung gefolgt, die eng verbunden waren mit der wirtschaftlichen Entwicklung im Kapitalismus – angetrieben durch die Möglichkeiten der Nutzung fossiler Energien und den wirtschaftlichen Nutzen ihrer Produkte, aber auch durch das Ziel der Verbesserung der menschlichen Lebensverhältnisse durch Technik.

Mit der sich abzeichnenden ökologischen und sozialen Krise der Wachstums-Ökonomie geraten diese Leitbilder in die gesellschaftliche Kritik: Die Möglichkeiten, künftig in klassischer Manier durch Technik und in Technik materialisiertes Wachstum Probleme zu lösen, werden durch das absehbare Ende des Zeitalters scheinbar unbegrenzter energetischer und stofflicher Ressourcen zunehmend geringer. Mit der Globalisierung dieser klassischen Entwicklungspfade verschärfen sich diese Probleme.

Der typische Ingenieur des 20. Jahrhunderts, der sich als rein technischer „Fachmann“ auf die „dienende“ Funktion für Wirtschaft und Politik beschränkte und damit auch die Verantwortung für seine Produkte weitgehend  abgab, wird den gesellschaftlichen, ökologischen und auch den neuen betrieblichen Anforderungen nicht mehr gerecht. Ein neuer „Typus“ von Ingenieurinnen und Ingenieuren erscheint, der in Verantwortung für soziale und ökologische Auswirkungen von Technik und Wirtschaft Zukunfts-fähige Technik im Sinne von Nachhaltigkeit gestalten will. Dieser Typus gerät in einen zunehmenden Widerspruch zur reinen Rendite-Orientierung der herrschenden Ökonomie, die weiterhin am Wachstumspfad,  festhalten muss. Auch die Unterwerfung der Ingenieurarbeit unter die Betriebswirtschaft, die aus Konkurrenz-Gründen ständige Kostensenkungen bei der Entwicklung und Herstellung von Produkten erzwingt, verschärft innerbetriebliche Widersprüche und fordert daher den Ingenieur auch als Arbeitnehmer auf neue Weise heraus.

Viele Ingenieure sehen diese Problematik schon länger. Dementsprechend versuchen sie in Technikforschung und Entwicklung, der Forderung nach ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit durch neue Ansätze bei Produktentwicklung, Produktionsmethoden und Technik-Nutzung gerecht zu werden und auch in den Betrieben, mehr Partizipation bei der Festlegung von Zielen Randbedingungen der Ingenieurarbeit durchzusetzen. Remanufacturing, ReUse von Produkten, dezentrale erneuerbare Energiewandlung sind Beispiele für eine Neuorientierung, die wegführt vom ständigen Verschleiß von Ressourcen und menschlicher Arbeitskraft. „Blue Engineering“ ist ein Beispiel für das Bemühen, statt kurzfristiger Rendite-Orientierung soziale und ökologische Verantwortung in Ausbildung, Betrieb und Gesellschaft als neues Leitbild für Ingenieurinnen und Ingenieure, aber auch für Betriebe zu etablieren.