Imke Schmincke: Soziologische Kritik? Soziologie der Kritik? Gesellschaftskritik?!
Das vorliegende Abstract versteht sich als Beitrag zum vierten im CfP genannten Fragenkomplex, der Frage nach den Konsequenzen für Theorie als Systematisierung der Möglichkeit der Kritik und ihrer Grenzen. Ich möchte in diesem Beitrag das Auseinandertreten von Gesellschaftskritik und Gesellschaftsbeschreibung rekonstruieren und dieses in Anlehnung an Wacquant (2008) eher als ein Auseinandertreten von sozialer Kritik und Erkenntniskritik beschreiben.
Gesellschaftskritik als emanzipatorische Kritik ist prekär geworden – dies gilt sowohl für ihren Ort in der Gesellschaft wie in der Gesellschaftstheorie. Gesellschaftlich (und letztlich auch transnational) zeigt ein Blick auf relevante Protestbewegung, dass Kritik vielerorts vor allem als partikulare und/oder nicht-säkulare artikuliert wird. Ebenso lässt sich für die (deutschsprachige) Soziologie der letzten 30 Jahre beobachten, dass der Anspruch, Gesellschaftsanalyse mit dem Ziel einer Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, stark zurückgegangen ist – wenn es auch in jüngster Zeit Versuche einer Revitalisierung dieses Anspruchs gibt (vgl. Dörre/Lessenich/Rosa 2009). Interessanterweise wird die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten der Kritik aus der Soziologie heraus vor allem unter der Frage ‘Soziologie der Kritik oder soziologische Kritik?’ diskutiert (vgl. Celikates 2009, Boltanski 2010). Letztlich wird die Frage nach Kritik in diesen Debatten soziologisiert – auch wenn dort zentrale Probleme angesprochen werden (Standpunkt der Kritik, Verhältnis KritikerIn – Kritisiertes, Rückgriff auf Normen).
Bei Marx waren Theorie und Kritik der Gesellschaft, der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Kategorien, noch eins. Und das Projekt der Kritik war untrennbar mit dem Projekt einer gesellschaftsverändernden Praxis verbunden. Aber wie Marx und an ihn anschließend Horkheimer/Adorno schrieben, hat jede Theorie einen Zeitkern, vielmehr sprechen sie vom Zeitkern der Wahrheit. D.h. die heutige Wirklichkeit ist eine andere als die von Marx und Engels und das berührt in einem erheblichen Maße die Gesellschaftstheorie bzw. diese muss diesen Wandel auch in der Theoriebildung selbst (also nicht nur thematisch) reflektieren.
Die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten soziologischer Kritik bezieht sich nicht nur auf wissenslogische und legitimatorische Fragen, sondern ist auch in Relation mit dem jeweiligen empirisch vorfindbaren Kritikformen, ihrer Bedingungen und Artikulationen zu diskutieren. In der Reflektion dieser Grenzen möchte ich am Schluss jedoch dafür plädieren, dass die soziologische Analyse sehr wohl auf eine Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse abzielen kann und soll bzw. an eine Kritik der Gesellschaft anschließen. Hierfür wäre jedoch, wie Demirovics (2008) formuliert, eine neue Verankerung der Kritik in der Wirklichkeit notwendig.