Jörg Stadlinger

Jörg Stadlinger: “Aufgezwungene Freiheit”? Kritische Anmerkungen zur Behandlung des Freiheitsproblems in der gegenwärtigen Kapitalismuskritik.

Die gegenwärtigen Veränderungen des Kapitalismus, darunter nicht zuletzt der Umbruch in der Organisation der Arbeit, stellen die Kapitalismuskritik vor die Aufgabe, sich in einer erneuten theoretischen Anstrengung der eigenen Grundbegriffe und Kriterien zu vergewissern. Von zentraler Bedeutung ist in diesem Zusammenhang das Freiheitsproblem. Am Umgang mit der Frage der Autonomie wird sich entscheiden, ob die Linke in der politisch-intellektuellen Auseinandersetzung hegemoniefähig wird oder ob sie weiterhin in der Defensive bleibt. Vor diesem Hintergrund wäre eine in der heutigen sozialwissenschaftlichen Debatte verbreitete Skepsis gegenüber der Möglichkeit zu diskutieren, die Kritik der gegenwärtigen Verhältnisse in einer Befreiungsperspektive zu begründen. Der Anspruch auf individuelle Selbstverwirklichung, der gegen normative Beschränkungen und hierarchische Strukturen gerichtet war, habe sich nämlich im Zuge der kulturellen und politischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte in eine „institutionalisierte Erwartung“ und damit selbst in einen „normativen Zwang“ verkehrt. So konfrontiere uns der modernisierte Kapitalismus, der die Freiheitsforderung der Individuen „absorbiert“ und das Primat der Autonomie um den Preis einer wachsenden, als bedrohlich empfundenen Unsicherheit errichtet habe, heute mit dem paradoxen Phänomen einer „aufgezwungenen Freiheit“. Gegen die negativen Folgen der so gefassten Modernisierung – also gegen die Zunahme und Privatisierung von Lebensrisiken, gegen die Spaltung der Bevölkerung in Gewinner und Verlierer, gegen die Zerstörung der gesellschaftlichen Solidarität durch einen entfesselten Egoismus  – wird dann in der Regel eine Kritikform aufgeboten, die sich im Kern an der Idee der sozialen Gerechtigkeit respektive der Gleichheit orientiert.

Bevor wir Gleichheit und Gerechtigkeit als vermeintlich notwendige Gegengewichte der Autonomie in Stellung bringen, sollten wir uns fragen, ob die negativen Seiten der Entwicklung tatsächlich als die „Schattenseite“ der  Freiheit bzw. einer Überbetonung derselben aufzufassen sind. Oder ob es sich hierbei nicht vielmehr um den Ausdruck einer ganz bestimmten Form der Unfreiheit handelt, die in der erwähnten Debatte ausgeblendet wird. Der Vortrag nimmt die paradoxe Form der oben zitierten Diagnose zum Anlass für eine kritische Untersuchung ihrer freiheitstheoretischen Prämissen. Im Rückgang auf den dialektischen Freiheitsbegriff von Hegel und Marx soll eine alternative Bestimmung der gegenwärtigen Veränderungen im Verhältnis von Autonomie und Heteronomie vorgeschlagen werden. Mit ihrer Hilfe, so die Überzeugung des Referenten, werden die gegenwärtigen Prozesse in ihrer Widersprüchlichkeit begreifbar und kann die Kapitalismuskritik – gegen alle auf die Autonomie zielenden Vereinnahmungsversuche und gegen alle Vereinnahmungsdiagnosen – als ein Projekt zur Befreiung des Individuums begründet werden.