Professorin für Soziologie, Schwerpunkt Bildungssoziologie (u.a.)
Technische Universität Darmstadt
letzte Veröffentlichung:
Krais, Beate (zusammen mit Yvonne Haffner) (Hg.). 2008. Arbeit als Lebensform?
Beruflicher Erfolg, private Lebensführung und Chancengleichheit in akademischen
Berufsfeldern. Frankfurt a. M.: Campus
Internet: http://www.ifs.tu-darmstadt.de/index.php?id=88
Datum: 09.06.09
Titel/Inhalt: Die gesellschaftliche Rolle der Universität
… und die aktuelle Hochschulreform
Wir erleben in Deutschland gegenwärtig einen Umbau der Hochschullandschaft, der nur zu vergleichen ist mit dem Umbau der europäischen Universität um 1800. Die Entwicklung zur modernen Forschungsuniversität begann in einer Zeit gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Umwälzungen und, in Deutschland, der tiefen politischen Krise; die Universitätsreform war Teil des Auswegs aus dieser Krise. Um zu bestimmen, in welchem historisch-politischen Kontext der gegenwärtige Umbau der Hochschulen in Deutschland zu sehen ist, braucht es sicher etwas mehr Abstand, als wir ihn zur Zeit haben – aber einige Aspekte der gesellschaftlichen Rolle der Hochschulen heute sollen in dieser Vorlesung skizziert werden, um besser zu verstehen, worum es bei den gegenwärtigen Umbauprozessen geht und was dabei auf dem Spiel steht. Die plakative Gegenüberstellung von „Humboldt“ versus „Bologna“ ist meiner Meinung nach nicht geeignet, das zu fassen, was mit den Hochschulen derzeit geschieht.
Die Debatte um die Hochschulreform ist geprägt von einigen Schlagworten, die besonders die Bedeutung der Hochschulen für den „Wirtschaftsstandort Deutschland“ in den Mittelpunkt stellen. Dies ist eine sehr verkürzte Sichtweise. Denn charakteristisch für die Universität ist, dass sie Verschiedenes produziert: Sie produziert neues Wissen, das uns neue Zugänge zur Welt eröffnet und sich immer wieder auch in ökonomisch nutzbare Produkte umsetzen lässt; sie ist ein Ort der Reflexion, der eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Problemen der Gegenwart ermöglicht; sie trägt Entscheidendes bei zu einer gesellschaftlichen Praxis des selbständigen Denkens und Handelns, also zur Stabilisierung demokratischer Verhältnisse; sie produziert fachlich qualifizierte, urteilsfähige Menschen, die in ihrer beruflichen Tätigkeit die Bestände wissenschaftlichen Wissens aufbereiten und einsetzen können; sie ist ein Ort der Aufbewahrung und der immer wieder neuen Erschließung des kulturellen Reichtums der Welt. Und schließlich ist sie eine Bildungsinstitution, die in besonderem Maße zur sozialen Schließung der oberen sozialen Klassen und Schichten beiträgt – oder zur sozialen Öffnung. Der Sinn und die Wirkung des gegenwärtigen Umbaus der Hochschullandschaft erschließen sich erst, wenn man ihn vor diesem komplexen Hintergrund sieht.