Prof. Dr. phil. habil. Ingrid Miethe,
Professorin für Allgemeine Pädagogik
Evangelische Fachhochschule Darmstadt
letzte Veröffentlichung: Miethe, Ingrid (2007) Bildung und soziale Ungleichheit in der DDR. Möglichkeiten und Grenzen einer gegenprivilegierenden Bildungspolitik.
Internet: http://www.ingrid-miethe.de
Datum: 26.05.09
Titel/Inhalt: Bildungsreformen von Humboldt bis Pisa
(Verpasste) Chancen für den Abbau sozialer Ungleichhheit?
Versuche zur Reformierung des Bildungssystems sind oft (auch) mit dem Bemühen verbunden, auf diese Weise soziale Ungleichheit zu reduzieren und so genannte „Begabungsreserven“ zu aktivieren. Die Ergebnisse der PISA-Studie, die gezeigt hat, dass in kaum einem anderen modernen Industriestaat der Zusammenhang von Bildung und sozialer bzw. kultureller Herkunft so eng miteinander verbunden ist wie in Deutschland, wurden auch hier zum Anlass genommen, über Reformen im Bildungssystem nachzudenken. Kritisch zu hinterfragen ist hier allerdings, ob die in jüngster Zeit angestoßenen Reformen tatsächlich dazu dienen, solche Disparitäten zu reduzieren, oder ob diese nicht eher gegenteilig wirken.
Dieses Phänomen, dass nämlich Differenzen bestehen zwischen den öffentlich propagierten Zielen von Bildungsreformen (z.B. auf Abbau sozialer Ungleichheit) und deren tatsächlicher Wirkung, ist so alt wie die Geschichte der Bildungsreformen insgesamt. Aufgrund der ausgesprochenen Komplexität des Zusammenhanges von Bildung und sozialer Ungleichheit, ist diese Diskrepanz zum einen darin begründet, dass es fast nie möglich ist, mit Sicherheit vorauszusagen in welcher Weise welche bildungspolitische Entscheidung wirken wird, d.h. dass immer auch nichtintendierte Folgen entstehen. Andererseits zeigt ein Blick auf die Geschichte von Bildungsreformen in Deutschland aber auch, dass die Frage des Zuganges zu Bildung auch eine Frage von Macht und Herrschaftssicherung ist. Bildung ist Voraussetzung für eine Erfolg versprechende Position innerhalb der Gesellschaft wie auch eine Bedingung für eine erfolgreiche (politischer) Partizipation an der Gesellschaft. Die Möglichkeit des Zuganges zu Bildung bzw. die Verhinderung dieses Weges durch subtile oder öffentliche Mechanismen ist von daher eine zentrale Frage, im Hinblick darauf, welche Personengruppen (und ihre Kinder) in der Gesellschaft „oben“ oder „unten“ sind und bleiben wollen.
Ein Blick in die Geschichte der verschiedenen Bildungsreformen begonnen bei der neuhumanistischen Bildungsreform von Humboldt, über die Weimarer Zeit, die parallelen Entwicklungen in der DDR und der alten Bundesrepublik, wie auch die aktuellen Entwicklungen in Folge von PISA , zeigt derartige Zusammenhänge sehr deutlich auf. Ein derartiger historischer Blick zeigt vielfältige argumentative und inhaltliche Parallelen auch zu heutigen Diskussionen. Vieles was heute als „neu“ und „innovativ“ dargestellt wird, sind in Wirklichkeit sehr alte Diskussionen, genauso wie heute wieder „neue“ Fehler gemacht werden, die zu vermeiden wären, wenn man einen Blick in die Geschichte der Bildungsreform werfen würde. Dies gilt insbesondere auch für Maßnahmen, die dem Abbau sozialer Ungleichheit dienen sollen. Hier könnte vieles vor dem Hintergrund historischer Erfahrungen sinnvoller entschieden wären – vorausgesetzt das Ziel der Reform ist tatsächlich der Abbau sozialer Ungleichheit. Und letzteres kann wohl durchaus auch kritisch hinterfragt werden – womit wieder die Frage angesprochen ist, für wen, innerhalb des gesellschaftlichen Machtgefüges eigentlich welche Art der Bildung mit welchem Ziel vorgesehen ist.