Prof. Dr. Peter Euler

Prof. Dr. Peter Euler M.A., Ing. grad
Professor für Allgemeine Pädagogik, Schwerpunkt Pädagogik der Natur- und Umweltwissenschaften
Technische Universität Darmstadt
letzte Veröffentlichung:
Heydorn lesen! – Herausforderungen kritischer Bildungstheorie, Hrsg. zusammen mit Carsten Bünger, Andreas Gruschka und Ludwig A. Pongratz, Schöningh Verlag Paderborn 2009
Internet: http://www.erwbld.de/euler/ab/index.php?page=team_euler

Datum: 12.05.09

Titel/Inhalt: Reflexionen über Bildung und Bildungsgerede
Zur Kritik des herrschenden Diskurses über Bildungsstandards, Kompetenzen, Praxisorientierung und der Spaßkampagne für die Naturwissenschaften

Der Vortrag von Prof. Dr. Peter Euler reflektiert den offenkundigen Widerspruch, der zwi-schen dem permanenten Bildungsgerede und der Bildungswirklichkeit besteht. Im Grunde findet das Bildungsgerede in einer Situation des Bildungsnotstands statt. Denn die dringend gebotene massenhafte Fähigkeit zu begreifen, was in dieser Welt geschieht, die der Un-Generalbevollmächtigte Jean Ziegler angesichts von Not, Gewalt und organisierter Verdum-mung auf der einen und den mafiös organisierten Praktiken globaler Multis auf der anderen Seite ein „Imperium der Schande“ nennt, hat das Bildungsgerede nicht im Visier. Sie zielt im Gegenteil auf die Optimierung der Ausstattung der Einzelnen mit den notwendigen Mitteln im weltweiten Konkurrenzkampf um die Märkte.

Die Reflexionen über Bildung und Bildungsgerede zielen daher vor allem auf die Kritik des herrschenden Diskurses über Bildungsstandards, Kompetenzen, Praxisorientierung und der Spaßkampagne für die Naturwissenschaften. Die neue Phraseologie von Standards, Kompe-tenzen und Evaluation, die allesamt in Hochglanzsprache Qualitätsentwicklung versprechen, erfüllen aber in der Hauptsache die Funktion einer flächendeckenden Transformation des Bil-dungswesens in einen riesigen opportunistischen Betrieb von Lernfabriken. Pädagogik wird durch Leistungsoptimierung und Konkurrenz ersetzt.

Lebenslang muss dieser von einer unmenschlichen Ökonomie angetriebene Prozess sein, weil die Erwachsenheit i.S. der Fähigkeit zur Selbsterhaltung ein Verfallsdatum hat. Die Ausbeu-tungsfähigkeit muss permanent von den Individuen reproduziert werden. Scheitern die Men-schen daran, werden sie zum Fall staatlicher Alimentation, zu deutsch: Hatz IV. Auch die Erziehungswissenschaft ist längst in den Strudel des Diktats pseudoökonomischer Kriterien geraten und wird mit großem Fördermittelaufwand (siehe Pisa, Bildungsstandards) und neoli-beralem politischem Flankenschutz auf OECD-Kurs getrimmt.

Demgegenüber wird Bildung von Euler als eine genuine Eigenschaft begriffen, die die Fähig-keit bezeichnet, über sich und das Ganze, auch in der gegebenen Vertricktheit vernünftig nachzudenken und sich entsprechend privat zu bestimmen und politisch für Demokratie und Humanität zu engagieren. Nicht Doping ist für eine Gesellschaft gefordert, die ihre Wider-sprüche versportlicht, sondern eine pädagogisch organisierte Bildung für alle Menschen von früh an ist überfällig, soll denn menschliche Aussicht bestehen.

„Der Prozess der Bildung ist in den der Verarbeitung umgeschlagen. Die Verarbeitung – und darin liegt das Wesen des Unterschieds – lässt dem Gegenstand keine Zeit, die Zeit wird redu-ziert. Zeit aber steht für Liebe; der Sache, der ich Zeit schenke, schenke ich Liebe; die Gewalt ist rasch.“ (Horkheiner)

Denn „Bildung geht es vor allem um die Erschließung, um das Verständnis, das Durchdenken, … und die kritische Beurteilung der grundlegenden“ menschlichen Angelegenheiten. (Ruhloff 2002)