Prof. Dr. phil. habil. Thomas Schwinger, Psychologe
Professor für Sozialtherapie
Evangelische Fachhochschule Darmstadt
letzte Veröffentlichung: Schwinger, T. (2007). Erzählung und Inszenierung. In J. Hein & K.O. Henze (Hrsg.), Das Unbehagen in der (Psychotherapie-) Kultur. Sinnverstehende Traditionen – Grundlagen und Perspektiven (196-207). Bonn: Deutscher Psychologen Verlag GmbH.
Internet: http://www.beratung.efhd.de/ und http://www.efh-darmstadt.de/efhd_lehrend.php?name=Schwinger
Datum: 23.06.09
Titel/Inhalt: Sozialpsychologie als Aufklärung
Sozialpsychologie ist eine unbequeme Wissenschaft. Sie stellt Denkgewohnheiten über die eigene Person und über andere in Frage, wenn sie z.B. zeigt, welchen einfachen Heuristiken dabei gefolgt wird und wie groß der Einfluss der sozialen Umgebung ist.
Sie ist auch unbequem, weil ihre Themen leichter zu nennen sind (z.B. Interaktionsprozesse, Kommunikation, Gruppenpsychologie, Soziale Kognition, Soziale Motivation, Soziales Lernen, Einstellungen, Sozialisation, Kulturvergleich) als ihr Gegenstand.
Das liegt daran, dass Sozialpsychologie sich dem spannungsgeladenen Kreuzungspunkt von gesellschaftlichem Sein und individuellem Erleben und Verhalten widmet. Damit ist sie in der Lage, immer auch das aktuelle Selbstverständnis von Menschen zu untersuchen und dieses gleichzeitig auf seine Verursachung hin zu befragen (Beispiel: Wie kommt es dazu, dass Individualität in einigen Kulturen hoch bewertet wird und damit auch im Zentrum von Wahrnehmung, Denken und Erleben liegt, in anderen jedoch nicht?).
Sozialpsychologie kann man als ein Mittel der Aufklärung über Täuschungen, irrationales Verhalten und Verharren in Ideologien ansehen. Das gilt auch für die Entwicklung dieser wissenschaftlichen Disziplin: Sie folgt weniger den Programmen einer Grundlagen¬wissenschaft, sondern wird vielmehr durch Widersprüche vorangetrieben, die bei der Anwendung theoretischer Entwürfe auf reale Probleme entstehen.
Bildung über Menschen – hier vor allem über Zwischenmenschliches – heißt daher, Fragen zu stellen und dabei auch sich selbst in Frage zu stellen; statt bekannte Irrtümer zu begehen, sich lieber möglichen neuen zuzuwenden.
Wie werden Fragen gestellt und mit welchen Methoden werden Antworten gesucht? Dafür gibt es verschiedene Logiken. Für die Bildungsinstitution heißt das, dass diese Logiken und ihre Ergebnisse vermittelt werden.